
»Als ich herzog, hat mich der Bürgermeister angesprochen und gesagt, er habe gehört, ich hätte mich in Grambow um eine Bibliothek gekümmert, und ob ich nicht Interesse hätte. Da habe ich gedacht: Warum nicht?
Rothenklempenow hatte damals eine Bibliothek in einem Wohnzimmerschrank in einer Schulklasse – und das war alles.
Dann ging ich nach Löcknitz zur Zentralbibliothek und habe mich dort schulen lassen. Und dann habe ich von der Gemeinde Geld bekommen und durfte Bücher kaufen. Ich habe eine Verbindung nach Pasewalk zur Bibliothek aufgebaut, aber gekauft habe ich in der Buchhandlung. Da ich auch Kunde beim Buchhaus Leipzig war, hatte ich viele Kataloge und habe dann nach und nach immer mehr Bücher gekauft.
Der Bestand wurde so groß, dass ich einen eigenen Raum brauchte. Dann hat man mir erst einen Raum in der alten Gaststätte eingerichtet. Da bekam ich Regale aus Pasewalk und richtete sie ein. Aber das Gebäude war schon so schäbig, dass der Fußboden eingebrochen ist – die Bohlen waren verfault. Deswegen wurde die Bibliothek erstmal geschlossen.
Danach war im Schloss, in diesem kleinen Anbau, meine Bibliothek. Ich hatte mit der Zeit schon einen mächtigen Bestand und nahm an den Wettbewerben der Bibliotheken teil. Der Bürgermeister baute das dann immer weiter aus und sagte, ich könne ja auch die Kollegen in den anderen Dörfern beliefern. Dann habe ich Kisten fertiggemacht und ausgetauscht. Irgendjemand hat die alten Bücher mitgenommen und die neuen wieder mitgebracht. Dann habe ich auch angefangen, Buchlesungen zu machen.
Und irgendwann wurde das publik, dass ich hier so viel arbeite. Dann haben sie in Pasewalk vorgeschlagen, Rothenklempenow zu einer hauptberuflichen Bibliothek zu machen – zu einer Zentralbibliothek, so wie Löcknitz.
Ich habe mir in der Bibliothek einen Katalog aufgebaut. Wenn ich neue Bücher bekam, musste ich erst immer nachlesen, damit ich sie richtig einordnen konnte. Ich hatte ja keine Ahnung von spanischen Namen oder so – man musste genau wissen, wie man das ablegt. Abramov oder wie der hieß – das kommt unter A, aber wenn ›De‹ oder ›Van‹ davorsteht, ist das wieder anders.
Wir hatten viele Ferienlager, Studenten, und alle kamen in die Bibliothek. Ich hatte jeden Tag geöffnet – und in den Wettbewerben habe ich meinen ersten Platz gemacht. Da war der Bürgermeister natürlich stolz.
In den Wettbewerben wurde die Aktivität verglichen, und vor allem hatte ich eine unwahrscheinlich hohe Ausleihe, weil ich immer Ansprechpartner war. Ich bin auch nie aus der Bibliothek rausgegangen, wenn da noch Bücher lagen. Ich habe meine Bibliothek aufgeräumt, und wenn ich am nächsten Tag wiederkam, ging’s von vorn los.
Ich konnte beraten – die Leute sagten: ›Ich suche das und das.‹ Ich habe Bücher für die Jagd besorgt, die konnten sie bei mir kaufen. ›Frau Fischer, da kommt ein neues Buch raus über Damwild!‹ – dann habe ich in den Katalogen gesucht, Pasewalk angerufen, Leipzig angerufen: ›Ich brauche das und das.‹ – ›Wie viel?‹ – ›Drei Bücher.‹ Ich kriegte drei Bücher, und die Jäger kriegten sie. Und der Bürgermeister war der häufigste Kunde.
Ich war Kunde beim Buchhaus Leipzig, habe die Bücher auf meinen Namen bestellt, bezahlt und mir das Geld dann von den Leuten wiedergeben lassen – ich musste immer auslegen. Leipzig hatte damals so eine große Verkaufsfläche, aber sie schickten mir Kataloge, weil sie wussten, wer ich war. Ich kam an Raritäten ran, weil ich so ein guter Kunde war. Auch in Pasewalk, im Buchhaus Lange, bekam ich Raritäten – ich konnte sogar die großen ›Grimms Märchen‹ besorgen. Ich war also eine gewisse Quelle.
Und ich habe mich bemüht. Nicht immer hat es geklappt, aber oft.
Da kam mal jemand und sagte, sie möchte Böll lesen. Ich hatte mir den Böll vorher rausgesucht und gedacht: So eine Ferkelei – den würde ich nie lesen! Aber sie hat ihn natürlich bekommen.
Reiseberichte gingen sehr gut bei der Ausleihe – die Leute konnten ja nicht reisen, aber sie konnten bei mir die Galapagos-Inseln ausleihen und vieles mehr. Ich kannte die Gemeinde, ich kannte meine Leser und ich kannte die Kinder – und dementsprechend konnte ich immer ein bisschen auswählen. Das hat mir Spaß gemacht.«
»Bei Karin konntest du sagen: ›Ich möchte etwas in diese oder jene Richtung‹ – und dann hat sie dir gesagt: ›Hier, komm.‹
Das war ja im Ort. Das haben wir genutzt, auch für Kinderbücher und Fachliteratur.
Karin war sehr gut, und sie wusste, was sie hatte.« Annelore Schönstedt