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Werktätige Bauern

»1950 wurde unterschieden zwischen Kleinbauern, die bis 10 Hektar hatten, und der Klasse der Mittelbauern. Die hatten komischerweise noch einen Namen, den habe ich nie verstanden: werktätiger Bauer.
Was ist ein werktätiger Bauer? Ich kam zur Oberschule, weil mein Vater ein werktätiger Bauer war, sonst wäre ich nicht zur Oberschule gekommen. Der werktätige Bauer durfte nicht mehr als 20 Hektar haben. Dann kam die Klasse der Großbauern, und nach sowjetischem Vorbild hießen die Kulaken. Das waren die, die über 20 Hektar hatten. Diese drei Kategorien wurden unterschiedlich behandelt.
Die Gruppierungen waren so, dass die Kleinbauern die günstigste Quote hatten. Also wurden denen, ich sage mal aus dem Kopf, 18 Prozent abgeschöpft, den Mittelbauern schon 28 Prozent, und Großbauern wurden zwei Drittel abgeschöpft. Das hieß: Sie bekamen nur den sogenannten Pflichtablieferungspreis oder Sollpreis, der gerade mit Mühe und Not die Herstellungskosten deckte.
Die Kleinbauern und Mittelbauern, die mehr produzierten, boten das als „freie Spitzen“ an – so hieß das damals, also im freien Aufkauf. Dafür gab es dann den zwei- bis dreifachen Pflichtablieferungspreis.

Genauso war es mit den MTS-Hilfen. Erst hießen die ja in den 50er Jahren Ortskomitee der gegenseitigen Bauernhilfe. Da hat man sich die Maschinen ausgeliehen. Wenn also in einem Gutsdorf typischerweise noch ein Lanz Bulldog da war, kam der unter dieses Komitee und wurde den Kleinbauern zum billigen Preis zur Verfügung gestellt. Ein Großbauer musste den dreifachen bis vierfachen Preis dafür bezahlen.
Die ganze Geschichte war dann so, dass man den Großbauern im Endergebnis die Grundlage entzogen hatte, um weiter wirtschaften zu können. Dann setzte in den 50er Jahren, insbesondere nach 1953, eine Flucht ein. Die Großbauern flohen, das Vieh blieb hier, der Hof blieb als devastierter Betrieb.
Was ist ein devastierter Betrieb? Keiner hat das verstanden. Das war also ein Betrieb, der im Prinzip enteignet war, in Staatseigentum überging, und der Bürgermeister musste ihn [als ÖLB, Örtlicher Landwirtschaftsbetrieb] bewirtschaften.« Siegfried Göbel

»Dann war da natürlich der Unterschied vom Großbauern zum Einzelbauern. Es gab nach dem Krieg so ein gewisses Soll, das man abliefern musste, ob wir was hatten oder nicht. Die haben vielen Großbauern, das Soll so hoch gesetzt, dass wir kaum selber für uns mal ein Ei nehmen konnten zum Backen.« Heike Fischer

Siehe auch:
Bodenreform
Kollektivierung
Sozialistischer Frühling
→ MTS/MAS
Landwirtschaftspolitik (Grafik)