»Als ich drei war, bin ich in Boock in den Kindergarten gegangen. Da sind wir morgens alleine hingegangen und abends auch alleine wieder nach Hause. Wir sind sogar noch samstags in den Kindergarten gegangen.
Um zwölf ging die Sirene, und dann durften wir aus dem Kindergarten nach Hause. Unsere Kinder sind dann nur noch von Montag bis Freitag in den Kindergarten gegangen. Aber die Schule war bis zur Wende noch samstags.« Gabi Wels
Wiki
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Samstag
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Schällinie
Speisekartoffelaufbereitungsanlage mit Schällinie
»Der Kreis Pasewalk war durch die Bezirksproduktionsleitung zur Speisekartoffelproduktion für Berlin bestimmt worden. Wie viele Speisekartoffeln in Löcknitz nach Berlin verladen wurden! Ich weiß, was das heißt, einen Zentnersack Kartoffeln in einen gedeckten Güterwaggon zu laden – vom Hänger rein, bis unter die Decke.
Da wurde gesagt: Wir bauen etwas ganz Wichtiges – wir bauen eine Speisekartoffellagerhalle mit Schälbetrieb. Die wurde dann in Löcknitz errichtet und hatte ein Fassungsvermögen von 16.000 Tonnen.
Die Speisekartoffeln in der Schällinie wurden mit einem hohen Frauenanteil geschält – die arbeiteten dort in der sogenannten Putzerei. Die Kartoffeln kamen in eine sehr verdünnte Sulfitlauge, die das Braunwerden verhindern sollte. Aber es bildete sich außen so eine Pelle, und alle, die dann diese Kartoffeln auf dem Teller hatten, haben immer gespuckt.
Aber es gab keine klare Entscheidung, sodass man es irgendwie hätte anders machen können – es gab keinen Weg.« Siegfried Göbel -
Schiedskommission
»Die Schiedskommission war ein Gremium in den Betrieben. In volkseigenen Betrieben war es Pflicht, alle Streitigkeiten schon auf niedriger Ebene zu richten und da gab es als Strafe eben diese Gemeindearbeit oder die mussten dann mal Rentnern die Kohlen in den Keller tragen, gemeinnützige Arbeit, umsonst.« Siegfried Göbel
»Die Schiedskommission im Dorf war dafür da, diese ganz kleinen Streitigkeiten oder kleine Vorkommnisse zu klären. Da waren dann mehrere Bürger aus dem Dorf, ich weiß nicht 5 oder 6 Leute und die haben beraten, was jetzt mit dem gemacht wird.« Gabi Riesebeck
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Schlossküche
Hörgeschichte: Hermine Zuber, Köchin im Schloss, erzählt:
»Wir haben für Kindergarten, Krippe, Schule gekocht – Ferienspiele, Armee, das hatten wir alles. In der DDR-Zeit wurde ja auch viel für Kindergarten und Schule gemacht. Es wurde immer schön alles bedacht, dass sie auch alles hatten, auch mit der Schulspeisung. Es wurde selbst gekocht – wir haben immer alleine gekocht. Wir hatten hier nichts von Großküchen. Die Lebensmittel haben wir im Konsum gekauft und bei der OGS-Fleischerei. Hier im Konsum war ich Stammkunde. Das konnten wir alles während der Arbeitszeit machen, das waren ja bloß ein paar Schritte.
Und was wir nicht hatten, haben uns viele Leute aus den Gärten gebracht – Gemüse, Obst, Stachelbeeren im Sommer. Wir hatten hier einen wunderschönen Park, da gab es Äpfel, Pflaumen, Johannisbeeren. Wir haben sehr viel eingeweckt, 200 Gläser – angefangen bei Gurken über Gemüse, grüne Bohnen und viel Obst. Das hat uns geholfen. Und wir haben immer gutes Essen gehabt. Wenn wir Hefeklöße gemacht haben, Pflaumenklöße, wenn die Zeit war – 120, 130 Stück, und die waren alle! Da gab es Kinder, die haben acht, zehn solche Hefeklöße gegessen.
Fleisch hatten wir nicht so viel – brauchte aber auch nicht sein. Wir hatten Gemüse, Kartoffeln – wir haben alles gekocht, was sie gerne gegessen haben: Nudeln mit Tomatensoße, was ja heute noch aktuell ist. Die Kindergärtnerinnen haben uns auch beim Apfelschälen geholfen, wenn die Zeit war, damit wir einwecken konnten. Ja, das war schon eine Hilfe.
Wir waren zwei Mann, wir mussten alles rantragen – Holz, Kohle. Unten im Schloss war ein Keller, da hatten wir Kartoffeln und Gemüse. Am Anfang habe ich sechs Stunden gearbeitet, und als später alles vergrößert wurde, hatte ich einen vollen Arbeitstag. Wir hatten durchweg zu tun. Nachmittags mussten wir uns alles holen – Kohlen, Kartoffeln –, damit wir für den nächsten Tag alles hatten. Das war manchmal ganz schön hart. Wasser von der Pumpe – jeden Tag. Wir hatten Eimer stehen mit Wasser. Die Wasserleitung wurde erst viel später eingebaut.
Es gab immer frische Eier, privat – die sind zu uns gekommen, ich habe sie abgenommen und bezahlt. Wir haben gebacken – zu Weihnachten Kekse und Stollen; es gab ja auch ein kleines Weihnachtsfest. Wir haben alles alleine gemacht, und das hat funktioniert. Und die Leute waren uns auch dankbar.
Wenn die Studenten kamen, die hatten ja auch immer Extrawünsche – das haben wir auch gemacht, obwohl wir gar nicht die Zeit dazu hatten. Hier war ein Kartoffelbetrieb, da haben die in der Schällinie gearbeitet oder sie haben in der Landwirtschaft geholfen, im Herbst, wenn die Kartoffelernte war. Diemussten dann richtig in Schicht arbeiten. Wir mussten abends lange bleiben, und die ersten sind morgens schon raus. Wir sind auch um sechs schon zur Arbeit gekommen – und es hat immer funktioniert.
Ich hatte eine tolle Kollegin – die ist immer mitgekommen, obwohl sie das gar nicht hätte machen müssen, so früh. Und wir hatten auch eine gute Gemeinde und einen guten Bürgermeister. Wenn ich mal mein Limit überzogen hatte, hat er gesagt: ›Mach du mal.‹Einmal haben wir sogar für die Puhdys gekocht! Ja, und die haben uns gefragt, wo wir das schöne Fleisch herhaben. Das war Kamm. ›So ein tolles Fleisch‹, haben sie gesagt. Da hab ich gesagt: ›Sie haben doch bestimmt schon was Besseres gegessen.‹ – Da hat er gesagt: ›Wenn wir nachts um drei nach Hause kommen, in Hotels, dann steht die Bockwurst im kalten Wasser.‹
Während der DDR-Zeit haben wir immer mitgeholfen. Das war schon dadurch bedingt, dass wir in der Gemeinde gearbeitet haben, aber alle anderen haben auch mitgeholfen – der Konsum, alle.« Hermine Zuber
»Da bin ich ausgezeichnet worden. Mein Mann ist von der Feuerwehr ausgezeichnet worden, und ich bin von der Gemeinde ausgezeichnet worden – für gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde.« Hermine Zuber -
Schwarzbau
»Eigentlich sollten alle Bauten durch den Kreis abgesegnet werden. Es gab eine staatliche Baukommission, und da musstest du das Projekt hinbringen, das wurde geprüft, und die Kommission musste ihren Stempel draufsetzen. Manche Dinge, die – ich sag mal – dort nicht zum Absegnen landeten, haben wir einfach so hochgezogen. Das war dann ein Schwarzbau, ohne Genehmigung der übergeordneten Organe.« Herbert Zimmermann
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Sozialistischer Frühling
Der ›sozialistische Frühling‹ bezeichnet die letzte Phase der Kollektivierung der Landwirtschaft im Frühjahr 1960. Auf ihrem V. Parteitag (1958) beschloss die SED, die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft zu beschleunigen. In der Folge wurde die Kollektivierung in der DDR zwangsweise vollendet. Unter starkem politischen Druck mussten sich viele der noch privat wirtschaftenden Bauern in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammenschließen.
»[Nach dem Krieg] hatte sich mein Vater hier alles aufgebaut. Er hatte sich schon so einen Lanz Bulldog [Traktor] gekauft – zur Erleichterung für seinen Privatacker. Aber den konnte er nicht lange benutzen. Wir hatten fast 30 Kühe, 60 Schweine und 3 Pferde mit Fohlen – man hatte sich nach dem Krieg so hochgearbeitet. Dann kam der sozialistische Frühling, und dann ging das so schnell. Sie mussten das mit einem Mal alles abgeben.« Heike Fischer
Siehe auch:
→ Bodenreform
→ Werktätige Bauern
→ Kollektivierung
→ Landwirtschaftspolitik (Grafik) -
Staatsbürgerkunde
»Staatsbürgerkunde, Marxismus-Leninismus – das war sogar zu Studienzeiten noch ein Fach. Darin konntest du dich auch prüfen lassen. Aber ja, mein Gott, das hat man so mitgenommen. Das haben alle über sich ergehen lassen. Eine Stunde die Woche war das. Aber wer da keine zwei oder drei hatte, der hatte selber Schuld. Also, wir haben ja längst nicht alles gelesen, was wir sollten – überhaupt gar nicht.«
Karin Zimmermann
Lehrplan Staatsbürgerkunde 1983. Quelle: achive.org -
Stückgut
»Als wir drei Jahre verheiratet waren, 1976, haben wir über Jugendtourist eine Russenreise nach Sotschi gemacht und sind mit dem Zug bis Berlin gefahren. Über Nacht haben wir bei meinem Cousin geschlafen, und der hat uns am nächsten Morgen zum Flieger gebracht. Aber am Abend haben wir uns noch ein bisschen umgeguckt, und dann sind wir noch in so ein Geschäft gegangen und sehen da ein Dreirad. Unser Sohn war fast drei Jahre alt, und sowas gab es ja bei uns nicht. Da haben wir das Dreirad gekauft, aber das konnten wir ja nicht mitnehmen. Also hat mein Cousin das über Stückgut nach Rothenklempenow geschickt – kam auch an, also das war kein Problem.«
Heidi Hamann»Der Zug hatte vorne die Lok, und dann kam der sogenannte Packwagen. In dem Packwagen wurde Stückgut befördert. Das wurde von einem Mann mit Mütze und Uniform mit der Karre an den Zug gebracht, eingeladen, und unser Stück fuhr dann zum Beispiel von Wittenberg bis nach Pasewalk. Dort wurde es wieder ausgeladen, und am nächsten oder übernächsten Tag kam dann ein LKW oder manchmal auch ein Traktor und brachte es in die Wohnung.«
Siegfried Göbel -
Studium
»Eines Tages war der Klassenlehrer bei uns zu Hause, Herr Fackelmann – ein toller Lehrer.
›Frau Stenzel, Ihre Tochter hat gute Leistungen. Wir schicken sie zur EOS.‹
Da war mein Vater natürlich stolz wie ein Spanier – er konnte als Arbeiter nur acht Klassen machen. Meine Mutti ja auch.
Also, das war das Größte, was seiner Familie widerfahren konnte.
›Opa, stell dir mal vor, ich soll zur EOS.‹
Mein Opa stand am Waschbecken und rasierte sich:
›Mecken lernen müsste so lang als du jung bist. Nachher begriffst du das nicht mehr so.‹ [Mädchen, lernen musst du, solang du jung bist, nachher begreifst du das nicht mehr so gut.]
Dann war das zu der Zeit so, Anfang der 70er: Die Mädchen wurden Lehrer und die Jungen Offiziere, nur ganz wenige wurden Ärzte, Architekten oder irgendwas anderes.«
Karin Zimmermann»Ich bin 1977 zur Armee gegangen. Ich war am Gymnasium, also an der EOS und habe Abitur gemacht. Die Bedingung für einen Studienplatz war bei den jungen Männern, dass man drei Jahre Armee machte – sonst hätte ich keinen Studienplatz gekriegt. Der Grundwehrdienst war ein Jahr, aber man musste sich für drei Jahre verpflichten. Da hat man dann auch ein bisschen mehr Stipendium gekriegt.«
Uwe Fackelmann -
Subbotnik
»Subbotnik nannte man das. Alle 4 bis 8 Wochen wurde dazu aufgerufen. Dann haben wir uns mit Harke, Schippe und weiß ich was bewaffnet, und wahrscheinlich kam die Technik von der LPG dazu, wenn größere Sachen anstanden – den Teich sauber machen, Wege schieben oder ähnliches. Und da hatten wir ja unsere Helga Behm. Helga hat immer ganz genau die Liste geführt, wer da war und wer nicht. Ab und zu bekam man dann auch mal die Frage gestellt: ›Warum warst du nicht da?‹ « Karin Zimmermann
»Das wurde immer über die Gemeinde organisiert. Und es war nicht einfach: Wir haben ja alle den ganzen Tag gearbeitet, gleichzeitig ein Haus gebaut und hatten zwei Kinder. Und dann hat der Bürgermeister am Wochenende noch Subbotnik verkündet – da haben wir auch nicht gerade ›Hurra‹ geschrien. Aber es hat selten jemand gefehlt.
Und ehrlich gesagt, war das immer ein schöner Tag. Wenn man gefehlt hat, hat einem auch die Kommunikation gefehlt. Wir haben auch schön zusammengesessen. Es war einfach schön, wenn man morgens auch geschimpft hat.« Martina Behm