»Mit der Bildung der KAP musste ein Kaderleiter eingestellt werden. Der musste für jedes Mitglied eine Kaderakte anlegen. Der ganze Lebenslauf wurde erfasst. Bei Älteren wurde die Wehrmachtszugehörigkeit festgehalten, der Dienstgrad, wo der Kriegseinsatz war und wo Gefangenschaft. Die ganze Verwandtschaft ersten und zweiten Grades mit Wohnadressen musste angegeben werden. Wohnten davon welche in Westdeutschland oder in anderen kapitalistischen Ländern, musste das ebenfalls angegeben werden – auch, ob Westkontakte bestehen. Wenn ein Betriebsleiter SED-Mitglied war – und das waren die meisten – und Westkontakte hatte, wurde er aufgefordert das zu unterlassen.« Hans Rengert, Die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, Löcknitz 2007.
»Die Volkspolizei war ein Organ des Ministeriums des Innern.
Aber dann hat sich die Partei der Arbeiterklasse, die SED, einfallen lassen:
Wir brauchen auch noch Kampfgruppen. Kampfgruppen – das waren alle, die nicht mehr gemustert wurden, 45-Jährige, 50-Jährige oder auch 60-Jährige. Die trugen eine Uniform und hatten auch Dienstgrade: ein Streifen, zwei Streifen, drei Streifen. Da gab es einen Witz drüber: Ein Streifen kann lesen, zwei Streifen kann lesen und schreiben, und drei Streifen kann schon befehlen.
Diese Kampfgruppen unterstanden parteimäßig dem ersten Sekretär der Kreisleitung und wurden geführt durch den Chef des Volkspolizeikreisamtes. Beim Volkspolizeikreisamt wurden im Keller die Karabiner, die Maschinenpistolen und die Munition aufbewahrt. Wenn es also alle vier Wochen eine Übung gab, fuhr man zuerst mit dem LKW des Betriebes nach Pasewalk, und die Kämpfer – wir hatten allein sechs in Borken – empfingen dort ihre Waffen, bekamen ihre abgezählte Munition, und dann ging es an dem Tag zum Beispiel zum Scharfschießen auf den Truppenübungsplatz Jägerbrück.
Einmal waren die abends nicht wieder da, und die Frauen wurden schon ungeduldig. Und dann hat ein Kämpfer erzählt:
›Uns ist ein Schuss abhandengekommen, und den haben wir im Sand in Jägerbrück gesucht, bis es dunkel war – eine Patrone.‹
Und dann fand alle Jahre mindestens einmal, meistens im September, eine sogenannte Generalübung statt, bei der die Kampfgruppen ins Gelände mussten. Da waren dann auch Frauen dabei, die die Versorgung übernahmen und gekocht haben – die trugen ebenfalls eine Uniform.« Siegfried Göbel
»Mein Mann musste, kurz nachdem wir geheiratet hatten, zur Reserve, da war er noch nicht 45. Wir hatten uns ja schon ein Grundstück gekauft und Vieh angeschafft. Da kam der Parteisekretär, obwohl wir gar nicht in der Partei waren, und sagte:
›Willst du nicht in die Kampfgruppen gehen?‹
›Wieso?‹
›Deine Reservezeit ist mal wieder dran.‹
Reserve war immer ein Vierteljahr.
Er wäre also ein Vierteljahr weg gewesen.
Naja, da ist er dann in die Kampfgruppen gegangen. Das war ja höchstens ein Tag oder auch mal über Nacht – aber eben nicht so lange wie ein Vierteljahr. Das hätte ich arbeitsmäßig gar nicht geschafft, dann noch die Bullen und Schweine zu versorgen.« Gabi Wels
»Die Krippe gehörte zum Gesundheitswesen, und der Kindergarten und die Schule zur Volksbildung.
Wir sind ja auch in Krankenschwesternkitteln gegangen – wir sind noch steril gegangen.
Wir waren zwar alle Gemeindeangestellte, aber der Oberbegriff war Gesundheitswesen.« Gabi Wels
»Die Betreuung war in der Beziehung wirklich gut. Frauen wurden regelmäßig untersucht, und die DDR hat ja reichlich Kinder gehabt.
Die Sachen für die Kinder waren preisgünstig. Es gab Krippenplätze, es gab Kindergärten und Schulbetreuung.
Also, die DDR hat für die Kinder viel getan. Deswegen war es ganz normal, drei, vier Kinder oder so zu haben, weil man das ja finanzieren konnte.
[Mein Sohn] ging schon in Wolgast in die Krippe. Das war günstig, weil es eine Krankenhauskrippe war, die drei Schichten machte.
Da konnte man also jede Schicht das Kind hinbringen. Wenn man Nachtschicht hatte, durfte das Kind dort schlafen.
Aber wirklich nur für acht Stunden – da haben sie drauf geachtet. Das war sehr gut.« Karin Fischer
Kinderkrippe – Weihnachtsfeier 1986
»Manche Kinder hatten wir vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Ja, das gab es auch.
Wir hatten nicht das Recht zu sagen, das Kind müsste auch mal Urlaub haben.« Gabi Wels
»Als Jens zweieinhalb war, war die Krippe fertig. Dann ist er noch ein halbes Jahr in die Krippe gegangen, und das war eine Tortur – für mich und auch für das Kind.
Wir haben beide geheult, wenn wir das Krippenauto gesehen haben.
Mein Kind war das so gewohnt: Zwei Jahre lang ist er ja bei allem immer mitgegangen, immer bei mir.« Annelore Schönstedt
Barkas 1000
»Wir hatten einen B1000 [DDR-Transporter], der früher ein Krankenwagen von der Armee gewesen war und entkernt wurde.
Da waren kleine Boxen drin, in denen die Kinder sitzen konnten, und vier Liegestellen wie kleine Bettchen – da konnten auch welche liegen.
An der Seite hatten wir eine Bank, auf der wir saßen. Da war nichts mit Anschnallen.
Morgens kam das Auto an. Einer von uns ist reingegangen, hat die Kinder entgegengenommen und hingesetzt.
Die musste man auch schon ein bisschen sortieren, weil manche sich ja gleich gezankt haben.
Dieses Auto wurde durch den Gemeindeverband gestellt.
Die Gemeinden hatten eine Kommission, die dann auch entschieden hat, wer einen Krippenplatz bekommt und wer nicht.
Vorrang hatten Kinder aus den Dörfern, deren Eltern in der LPG oder bei der Gemeinde gearbeitet haben.
Wir hatten hier in Rothenklempenow 16 Kinder, aufgeteilt in drei Gruppen.
Es kam auch mal vor, dass jemand krank war – dann hat auch mal die Hauswirtschaftskraft mitgeholfen und mit am Tisch gesessen. Aber die Kinder wurden schnell selbstständiger.
Das war nicht erzwungen, aber diese Gemeinschaft fördert auch. Kinder schauen sich von anderen Kindern etwas ab.
Also ich möchte sagen, auf dem Dorf sind die Kinder behüteter aufgewachsen, weil man die Eltern kannte. In der Ausbildung musste ich mal 14 Tage in Pasewalk in der Krippe arbeiten. Das war so unpersönlich, man kannte die Eltern nicht und man wusste gar nicht, warum das Kind dann gerade so reagierte.« Gabi Wels
»In der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft begann ab Mitte 1960-iger auch in unserer Region die Bildung einer Kooperationsgemeinschaft (KOG) der Orte: Zerrenthin, Bismark, Plöwen, Pampow, Blankensee, Boock, Mewegen, Gorkow,Glashütte, Grünhof und Rothenklempenow.« Dorfchronik von Rothenklempenow, Birgit Jawinski und Klaus Ziermann
»Genau am 7.7.1977 haben wir – die Buchhaltung – uns als Kollektiv der sozialistischen Arbeit gegründet. Die Brigaden Buchhaltung, Wäsche, Reinigungskräfte und Wachschutz praktisch alle, die im Schwarzbereich tätig waren, das war ein Kollektiv der sozialistischen Arbeit. Da wurde dann ein Jahresprogramm zusammengestellt und das musste dann auch abgearbeitet werden, Betriebsausflüge usw. – alles gesellschaftlich. Da hing dann auch ein bisschen Geld dran. Man musste das abrechnen, aber konnte eben mal einen schönen Betriebsausflug machen, schön feiern – nur immer im Kollektiv.« Heidi Hamann
Kollektiv der sozialistischen Arbeit in Grünhof – Auszeichnung der Gruppe Verwaltung, Betriebsschutz, Küche, Reinigung und Betriebswäsche.
»So viele Medaillen, wie die DDR hatte, gab es in der ganzen Welt nicht.
Also Urkunden wurden so viele gedruckt, die wurden jede Woche verteilt.« Siegfried Göbel
»Also Aktivist wurde man, wenn es sein musste, alle paar Jahre.« Karin Zimmermann
»Also, als jüngere Generation ist man da reingewachsen, und man hat es als gegeben angesehen, weil man es ja auch gar nicht anders kannte.« Gabi Wels
»Nach 1953 begann dann für die ländliche Bevölkerung eigentlich die ganz große Umwälzung hin zu dieser heute so eingestuften Zwangskollektivierung. Die ist unterschiedlich zwischen den einzelnen Dörfern verlaufen. Einige haben sich erst faktisch auf den Druck, der im März 1960 ausging, zu einer Genossenschaft umgebildet, andere haben das schon vorher getan.
1960 hat die sozialistische Umgestaltung, die Zwangskollektivierung, wie es heute heißt, dazu geführt, dass die DDR faktisch 1961 und ‘62 vor der Tatsache stand, wieder die Lebensmittelmarken einzuführen. Die Struktur war ja einfach zusammengebrochen.« Siegfried Göbel
»Die KAP Rothenklempenow fing 1973 mit einer Konsumtion (Lohn) von 7500 Mark jährlich je Arbeitskraft an (…) Hinzu kamen noch Naturalien von 1 Morgen Land. Es gab Genossenschaftsbauern, die noch zusätzlich um die 10.000 Mark jährlich zuverdienten.« Hans Rengert, Die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, Löcknitz 2007.
»Wenn die LPG in einem Jahr schlecht verdient hätte, wäre für die Mitglieder kein Geld rausgekommen. Wer nicht Mitglied war, bekam zwar mehr Geld ausgezahlt, aber am Ende eben keine Jahresendauszahlung. Und die war ja in dem Moment das gesparte Geld. Wenn man Mitglied war, hatte man aber auch ein bisschen mehr Verpflichtungen. Mein Mann musste zum Beispiel einen Morgen Runkel hacken – das haben wir dann beide gemacht.
Die LPG hat Futtermittel gestellt, damit man sich Tiere halten konnte – das nannte sich Deputat. Wenn ein Schwein schlachtreif war, wurde von der LPG organisiert, dass die 20 oder 30 Schweine, die im ganzen Dorf zusammengekommen waren, mit einem Stift gekennzeichnet wurden – also, wem welches Schwein gehörte – und dann nach Pasewalk zum Schlachthof gingen. Dort wurden sie gewogen und die Qualität festgestellt. Viele Tiere sind vom Dorf auch direkt ins Ausland gegangen, und danach richtete sich dann der Preis.« Gabi Wels
»Abends die Kinder ins Bett – und wir mussten dann noch nach hinten, da war ja unser Land, da ging’s weiter. Wir hatten Bullen, wir hatten Schweine, Hühner, Enten – wir hatten alles. Das war unser Geld, das wir dazuverdient haben. Und wir haben ja dann auch gebaut, aber von dem, was wir verdient haben, konnten wir das nicht allein schaffen.
Den Bullen haben wir abgegeben, aber wir haben auch geschlachtet – ein Schwein haben wir immer geschlachtet.« Annelore Schönstedt
»Oder man hat Tabak angebaut – entweder Viehzeug oder Tabak. Das waren immer die zusätzlichen Einnahmen, die man hatte, wovon man sich mal was Besonderes leisten konnte: ein Auto kaufen, ein bisschen was modernisieren oder auch mal in den Urlaub fahren.« Heidi Hamann
»Nach der Trennung zwischen Tier- und Pflanzenproduktion gab es einen Kooperationsrat, da war ich auch drin. Die Vorsitzenden der Tier- und Pflanzenproduktionsbetriebe und auch der Hauptbürgermeister gehörten diesem Kooperationsrat an. Wenn wir uns alle vier Wochen innerhalb der Kooperation getroffen haben, saß auch die Kommune mit am Tisch. Der Bürgermeister legte aus seiner Sicht seine Probleme dar, wir unsere – und dann wurde ein Konsens gefunden, wie wir uns gegenseitig unterstützen konnten.«
Hans Rengert, Leiter der KAP, Renate Blümel, Vorsitzende der LPG Rothenklempenow und Bürgermeister Egon Behm.
»1-2 % des Jahresumsatzes der LPG mussten dem Kultur- und Sozialfonds zugeführt werden.« Hans Rengert, Die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion, Löcknitz 2007.
»Wir hatten ein sogenanntes zweites Einkommen aus dem Kultur- und Sozialfonds, und das lag pro Person bei 1.685 Mark der DDR. Dieses Geld haben wir ins Wohnungswesen, ins Essen, in Kinderferienlager und so weiter gesteckt. Wir haben alle Rentner mit einem Mittagessen zu 80 Pfennig versorgt. Die konnten jeden Mittag um 11 Uhr in unserer Betriebsküche essen – sieben Tage die Woche, 30 Tage im Monat – das alles wurde daraus finanziert.« Siegfried Göbel