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Landambulatorium

Landambulatorien waren, als Gegenstück zu den Polikliniken in den größeren Städten, medizinische Einrichtungen für die gesundheitliche Versorgung und Vorsorge der Landbevölkerung. Ein Landambulatorium hatte mindestens zwei Fachabteilungen. Das medizinische Personal eines Landambulatoriums war direkt beim Staat angestellt. Fachärzte wie Gynäkologen und Zahnärztinnen hielten periodische Sprechstunden in den Ambulatorien ab. Die Zahl der Landambulatorien in der DDR stieg von 250 im Jahr 1953 auf je nach Quelle 380 bis 433 im Jahr 1989.

Landambulatorium Jagow

»Inzwischen hatte ich ein Kind von einem Jahr, hatte aber keine Wohnung und habe deshalb Wolgast verlassen.
Dann bin ich nach Jagow im Kreis Strasburg gezogen. Dort habe ich eine Wohnung bekommen, eine Einraumwohnung mit Wohnküche. Für mich war das ein Paradies.
Die Arbeit war sehr schön: Es war ein Landambulatorium mit Bettenstationen, wie es das früher mal hier in Löcknitz gab.
Im Landambulatorium da ist der Arzt, macht Sprechstunde, fährt Hausbesuche und hat im gleichen Haus Betten.
Wenn zum Beispiel Patienten mit einem offenen Fuß bei ihm erscheinen, sagt er: ›Auf die Station.‹
Oder Kinder – mein Sohn lag da mit seiner Mittelohrvereiterung, oder Brüche, oder … also, er hatte zehn Betten, die immer belegt waren.
Er hat nicht jeden ins Krankenhaus überwiesen, sondern hat sie bei sich therapiert, wenn es ging.
Wir hatten eine Nachtschwester, ein Labor und eine Röntgenabteilung.
Als jemand mit einem Bruch reinkam, sagte er: ›Schwester Karin, röntgen Sie bitte den Arm.‹
Ich sagte: ›Herr Doktor, das habe ich noch nie gemacht.‹
›Hier haben Sie ein Buch, lesen Sie mal nach.‹
Dann sollte ich mir auslesen, wie ich das Ganze einstellen muss und wie lange ich das machen soll. Ich habe zweimal geröntgt. Ein Bild war scheinbar zu verwenden.
Oder er hat mich ins Labor geschickt: ›Gucken Sie mal nach, wie das Blutbild aussieht. Zählen Sie mal die ganzen roten Blutkörperchen.‹
Oder am Bett fragte er: ›Schwester Karin, was würden Sie hier für eine Diagnose stellen? Was würden Sie denn machen?‹
›Ich würde das und das machen.‹
Und das fand ich gut – das hat mein Wissen von der Schwesternschule noch einmal vertieft.
Wir hatten viele Kinder, die ihre Spritzen kriegen mussten.
Dann habe ich mir die Kinder so übers Bein genommen und ihnen etwas vorgesungen – Spritze rein, sie konnten gar nicht so schnell weinen, wie die Spritze fertig war.
Das Problem war aber, dass es ein Dorf war und mein Sohn Krippenkind – das heißt, ich hatte Schichtarbeit: Frühstück, Spätschicht, Nachtschicht.
Die Krippe war aber nur von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Es gab also immer wieder Probleme.« Karin Fischer

»Dr. Bernd Lorenz, ehem. Leiter Landambulatorium Löcknitz: ›Es gab 1949 einen Beschluss der Landesregierung Mecklenburg zum punktuellen Aufbau von Landambulatorien zur Sicherung der medizinischen Betreuung der Landbevölkerung, die vor und nach dem Krieg total am Boden lag. In unserem Landambulatorium arbeiteten seit 1952 praktische Ärzte, Zahnärzte, Orthopäden, Internisten. Spezialisten für die Tuberkulosefürsorge, denn Lungenkrankheiten traten nach dem Krieg besonders häufig auf, Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen, Krankenschwestern, Sozialfürsorger und bis 1964 eine Entbindungsstation.‹«
Amtsblatt Löcknitz-Penkun, 10/2009

»Dr. Hans-Hubert Becker bis 1990 Chefarzt im Landambulatorium Jagow und Landarzt:
›Wir haben hier die Leute von der Wiege bis zur Bahre begleitet‹, erzählt der Landarzt. Das habe mit der Mütterberatung begonnen. Dann kamen die Krippen- und Kindergartenkinder sowie Schulkinder und habe mit der Betreuung der Berufstätigen und ihren vielfältigen Schwerpunktuntersuchungen aufgehört. Auch Senioren hätten unter regelmäßiger medizinischer Beobachtung gestanden. Überhaupt habe das Betriebsgesundheitswesen eine große Rolle gespielt. ›Wir hatten hier einen Zahnarzt, einen Zahntechniker, Röntgen und eine Physiotherapie. Es war alles vorhanden‹ In der kleinen Klinik wurde ein Einzugsgebiet von einer Fläche von rund 100 Quadratkilometern mit rund 4500 Menschen medizinisch betreut.«
Kleine Klinik im uckermärkischen Dorf, Mathias Scherfling, Nordkurier, 10.05.2021