A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S U V W Z

Kampfgruppen

»Die Volkspolizei war ein Organ des Ministeriums des Innern.
Aber dann hat sich die Partei der Arbeiterklasse, die SED, einfallen lassen: Wir brauchen auch noch Kampfgruppen. Kampfgruppen – das waren alle, die nicht mehr gemustert wurden, 45-Jährige, 50-Jährige oder auch 60-Jährige. Die trugen eine Uniform und hatten auch Dienstgrade: ein Streifen, zwei Streifen, drei Streifen. Da gab es einen Witz drüber: Ein Streifen kann lesen, zwei Streifen kann lesen und schreiben, und drei Streifen kann schon befehlen.
Diese Kampfgruppen unterstanden parteimäßig dem ersten Sekretär der Kreisleitung und wurden geführt durch den Chef des Volkspolizeikreisamtes. Beim Volkspolizeikreisamt wurden im Keller die Karabiner, die Maschinenpistolen und die Munition aufbewahrt. Wenn es also alle vier Wochen eine Übung gab, fuhr man zuerst mit dem LKW des Betriebes nach Pasewalk, und die Kämpfer – wir hatten allein sechs in Borken – empfingen dort ihre Waffen, bekamen ihre abgezählte Munition, und dann ging es an dem Tag zum Beispiel zum Scharfschießen auf den Truppenübungsplatz Jägerbrück.
Einmal waren die abends nicht wieder da, und die Frauen wurden schon ungeduldig. Und dann hat ein Kämpfer erzählt: ›Uns ist ein Schuss abhandengekommen, und den haben wir im Sand in Jägerbrück gesucht, bis es dunkel war – eine Patrone.‹
Und dann fand alle Jahre mindestens einmal, meistens im September, eine sogenannte Generalübung statt, bei der die Kampfgruppen ins Gelände mussten. Da waren dann auch Frauen dabei, die die Versorgung übernahmen und gekocht haben – die trugen ebenfalls eine Uniform.« Siegfried Göbel

»Mein Mann musste, kurz nachdem wir geheiratet hatten, zur Reserve, da war er noch nicht 45. Wir hatten uns ja schon ein Grundstück gekauft und Vieh angeschafft. Da kam der Parteisekretär, obwohl wir gar nicht in der Partei waren, und sagte:
›Willst du nicht in die Kampfgruppen gehen?‹
›Wieso?‹
›Deine Reservezeit ist mal wieder dran.‹
Reserve war immer ein Vierteljahr. Er wäre also ein Vierteljahr weg gewesen. Naja, da ist er dann in die Kampfgruppen gegangen. Das war ja höchstens ein Tag oder auch mal über Nacht – aber eben nicht so lange wie ein Vierteljahr. Das hätte ich arbeitsmäßig gar nicht geschafft, dann noch die Bullen und Schweine zu versorgen.« Gabi Wels