»Die Jugendweihe war auch nicht nur die Jugendweihefeier. Zu DDR-Zeiten gab es auch eine Vorbereitung auf die Jugendweihe. Man hat eine Jugendweihefahrt gemacht und Jugendweihestunden besucht – wie bei der Konfirmation. Eine Prüfung musste man nicht ablegen, aber man wurde weltlich gebildet.
Also sind wir ins Theater gefahren, wir waren im Planetarium und in Ravensbrück.
Aber wir hatten eine Mitschülerin, die nicht Pionier werden konnte, weil sie katholisch war. Das wurde zu unserer Zeit später sehr beäugt – da hat kaum noch jemand überhaupt Konfirmation gemacht.« Anja Henschel, Jahrgang ‘75»Das hat sich im Laufe der Jahre verschlimmert. Ich bin ’51 geboren, da gab es schon Jugendweihe, aber auch noch viele Konfirmanden. Ich habe zum Beispiel nur Konfirmation gemacht.
Mit den Jahren nahm die Jugendweihe immer mehr zu. Wer christlich war, machte hinterher noch eine Konfirmation, aber die wurde nicht mehr groß gefeiert. Die Jugendweihe hingegen wurde meist groß gefeiert.
Die Jugendweihe wurde auch mehr von den Jugendlichen angenommen, weil da viel mehr mit ihnen unternommen wurde. Bei der Konfirmation gab es kaum Ausflüge; da standen Bibellehre oder der kleine Katechismus im Vordergrund. Geselligkeit gab es schon, aber nicht so wie bei der Jugendweihe.« Marlene Krüger»Wenn man aufs Gymnasium wollte, war das die Bedingung.
Es gab eine Pastorentochter in der anderen Klasse – sie war sehr schlau und sollte Abitur machen. Sie bekam aber keine Zusage, weil sie keine Jugendweihe gemacht hatte.« Heidi Hamann»Ab den 50er-Jahren wurde Druck auf die Jugend gemacht, in der sechsten oder siebten Klasse: Geht nicht mehr zum Konfirmandenunterricht, kommt zur Jugendweihe.
Jede Schule versuchte dann, diese Jugendweihe vorzubereiten – über ein Programm, das von oben, von der Spitze der Pyramide nach unten vorgegeben wurde.
Die Jugendweihe war ein Höhepunkt. Ab den 70er-Jahren ist fast jeder gegangen – vielleicht neun von zehn Jugendlichen nahmen daran teil.« Siegfried Göbel»Bei uns war es sehr abenteuerlich. Meine ältere Schwester Gudrun ist ein Jahr älter als ich. Christenlehre haben wir alle gemacht, aber sie ist nicht zum Konfirmandenunterricht gegangen.
Aber dann habe ich noch eine Schwester, die ist zwölf Jahre jünger, die sollte getauft werden. Da stand eine Taufe an, und ich bin ganz aktiv hingegangen – erst Christenlehre und danach Konfirmandenunterricht, weil es da schöne bunte Bilder gab und wir dann auch mal wegfahren konnten.
Als meine jüngste Schwester zur Taufe angemeldet wurde, hat sich der Pastor erstmal umgehört, was die Taufpaten gesagt haben. ›Heidi geht ja zum Konfirmandenunterricht, was ist mit Gudrun?‹ ›Die geht nicht.‹ ›Halt, sie muss kommen. Wir können das nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, sonst haben die Taufpaten versagt, sie muss gehen.‹
Aber sie konnte nicht mehr zu ihrer Gruppe, da hatte sie schon zu viel Unterricht verpasst. Sie musste bei mir mit rein. Naja, und dann sind wir auch gegangen.
Dann rückte die Prüfung immer näher, und nun hatte sie gerade einen FDJ-Lehrgang in Trassenheide gehabt, und genau über diese Zeit der Prüfung war sie nicht da. Und dann dachte sie schon: ›Hach, jetzt kann er mich mal gerne haben‹, der Pastor.
Sie ist dann dort hingefahren und hat eine Karte an den Pastor geschrieben und die dort eingesteckt: Er möchte die Konfirmandenprüfung alleine durchführen, weil sie jetzt in Trassenheide ist und nicht kommen könne, und sie verzichte auf die Konfirmation.
Dann kam die Karte bei ihm an, er klopfte puterrot an unsere Tür und kam rein: ›Das Kind muss kommen, das Kind muss kommen.‹ ›Sie ist aber nicht volljährig, sie kann nicht nach Hause kommen, sie ist mit einer Gruppe da, das geht nicht, und Geld, um allein zu fahren, hat sie auch nicht.‹ Naja, dann sollte sie zur Kirche gehen und irgendeinen Pastor oder Kirchendiener fragen, und die sollten ihr Geld aus der Kirchenkasse geben, damit sie nach Hause fahren kann.
Das wurde alles so weitergeleitet, und dann kam ein Telegramm zurück, total entstellt. Da stand drauf: ›Ich bin noch nicht 18, darf noch nicht alleine nach Hause fahren.‹ Da kam der Pastor wieder: ›Was machen wir jetzt?‹
Am Freitag sollte abends die Prüfung sein, und am Sonntag sollte die Konfirmation sein. Dann haben sie die Prüfung verschoben, die war dann erst am Sonnabend. Am Sonnabend ist sie ja nach Hause gekommen. Sie dachte: jetzt ist die Prüfung durch, jetzt kann er mich mal gernhaben, steigt in Pasewalk aus dem Zug – wer steht da? Der Pastor! Er hat sie abgeholt. Wir haben das ja gar nicht gewusst.
Ich mache mich dann gerade so ein bisschen fertig, aber viel gelernt habe ich auch nicht. Da kommt der Pastor mit Gudrun rein. Sie war so gefrustet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Sie hat sich fertig gemacht und dann sind wir beide zur Prüfung gegangen. So ist sie dann doch konfirmiert worden.« Heidi Hamann»Wir haben auch als Schule immer die Jugendweihen durchgeführt. Der Höhepunkt war dann die Jugendweihefeier jeden Ostersamstag im Saal im Schloss. Naja, dann wurde auch gefeiert, und den Festredner, den bekamen wir meist aufgedrückt. Das war einer von der Kreisleitung der Partei in Pasewalk. Zum Schluss musste ja immer kommen: ›Wir haben euer Gelöbnis vernommen.‹ Und der hat doch glatt gesagt: ›Wir haben euer Verlöbnis genommen.‹ Da haben wir so gelacht, wir haben uns fast in die Hosen gepullert.« Karin Zimmermann
»Wir hatten im Rahmen der Jugendstunden mehrere Ausflüge. Aber zwei sind bei mir ganz doll hängen geblieben.
Einmal der Ausflug nach Berlin in den Friedrichstadtpalast. Da war Frank Schöbel, so ein junger hübscher Mann, und wir 14. Dann saßen wir in der ersten Reihe an diesem Orchestergraben, und alle nachher im Bus nach Hause:
›Mir hat er zu geblinzelt.‹
›Nee, mir hat er zu geblinzelt.‹
Wir waren alle ganz heiß.
Der andere Ausflug, der auch sehr hängen geblieben ist, war Ravensbrück, das Frauen-KZ. Also das… Hammer – bis jetzt noch.«
Melita Mantei»Als Kinder durften wir so ziemlich alles. Wir durften auch Pionier werden, sollten wir erst natürlich nicht. Dann haben wir so lange gejammert: ›Ja, die dürfen auch, und guck mal, die sind doch auch immer in der Kirche, und der darf das auch.‹
Wir haben so lange gebettelt, bis wir Pionier werden durften. Wir durften auch FDJler werden. Dann kam das Problem: Jugendweihe oder Konfirmation.
Meine Schwester war ziemlich gut in der Schule. Die war dann als Zweite aus diesem Dorf vorgesehen zur EOS. Das war schon mal etwas ganz Besonderes, aber die Schule sagte: ohne Jugendweihe geht das nicht.
Meine Eltern haben sich zu Hause politisch zurückgehalten, um uns unser Leben nicht zu versauen. Ich kenne ganz viele, die nicht zur EOS durften, weil sie nur Konfirmationen hatten. Wir sind dann zu dieser Jugendweihefeier gegangen, kamen nach Hause, haben normal Kaffee getrunken – zack, beendet. Also das wurde nicht so groß gefeiert, dafür dann die Konfirmation.
Bei der Jugendweihe hat man eine Urkunde gekriegt, dass man jetzt als Jugendlicher in den Stand der Erwachsenen aufgenommen ist. Dann gab es ein Buch – Länder, Menschen, Abenteuer, sozialistisch natürlich, ist klar. Fanden wir aber auch toll, weil man ja so groß geworden ist. Man kann ja nicht sagen, dass das schlecht für die Kinder war. Die hatten alle eine Beschäftigung, und jeder hat sich gefreut. Pioniernachmittage, da hat man irgendwas Besonderes gemacht. Später in der FDJ noch mehr.« Heike Fischer
Jugendweihe
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