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Gemeindeschwester

»Ich habe mein Staatsexamen 1965 gemacht. Danach habe ich als Krankenschwester im Krankenhaus Wolgast gearbeitet. Als Schwesternschülerin musste man eine Haube tragen, und jeder Strich auf dieser Haube stand für ein halbes Jahr – also war ich hier im zweiten Lehrjahr. Wir trugen ein blaues Kleid ohne weiße Schürze als Schwesterntracht.
Aber eigentlich möchte ich sagen: Ich habe schöne Berufe gehabt, aber das war, glaube ich, doch mein Lieblingsberuf.«

»Mein Chef [im Landambulatorium Jagow] hat mir die Stelle als Gemeindeschwester in Grambow besorgt. Die Gemeindeschwester war zuständig für Grambow, Neu Grambow und zweimal am Wochenende für Ramin und Retzin. Die Gemeindeschwester war damals immer zuerst beim Patienten. Tag und Nacht musste man da sein – wie Schwester Agnes. Bloß: Die hatte ein Moped, und ich nur ein Fahrrad. Der Bürgermeister in Grambow hatte das Moped kaputtgefahren. Ich musste alles mit dem Fahrrad abfahren, Sonnabend und Sonntag mit meinem Sohn.
Als Krankenschwester hat man nicht viel verdient. Mein Gehalt als ausgelernte Krankenschwester lag zu DDR-Zeiten bei 128 Mark. Und das ist nicht sehr viel Geld, wenn man ein Kind und eine Wohnung hat.
Mein Chef war Hausarzt. Ich hatte ein Schwesternzimmer, da stand ein Telefon – zu Hause hatte ich keins. Im Schwesternzimmer habe ich jeden Tag eine Sprechstunde gemacht. Da kamen die Leute zum Blutdruckmessen oder zum Verbändewechsel. Oder sie brauchten Medikamente, dann bin ich nach Löcknitz gefahren und habe sie ihnen besorgt.
Als Gemeindeschwester war mein Aufgabenbereich vor allem die Betreuung – auch psychische Betreuung. Eigentlich war es Pflege wie im Krankenhaus, nur dass die Leute zu Hause waren. Der Doktor kam einmal in der Woche und hielt Sprechstunden ab. Ich bin dann immer zu den älteren oder bettlägerigen Patienten gefahren, habe Blutdruck gemessen und mich mit ihnen unterhalten – über das, was gerade aktuell war. Wenn jemand aus dem Krankenhaus kam, musste ich zuerst nachschauen. Wenn ich einen Hausbesuch gemacht habe, musste ich entscheiden, ob der Doktor kommen muss oder nicht. Oder der Doktor gab mir Anweisungen. Man musste schon manchmal staunen, wie viel der Doktor einfach auf die Gemeindeschwester abgewälzt hat.
Meine Möglichkeiten waren begrenzt. Die Jugend kam oft und sagte: ›Guck mal, ich hab hier einen Pickel – was können wir denn da machen?‹
Ich hatte ja ein paar Salben, etwas Verbandmaterial und solche Dinge. Dann haben wir ein bisschen rumexperimentiert.
Aber oft wollten die Leute einfach jemanden zum Reden haben. Vor allem viele Alleinstehende – sie wollten sich unterhalten, wollten, dass jemand zuhört. Dafür musste man sich Zeit nehmen.Und wenn ich dann ging, sagte ich: ›Ich komm dann und dann wieder.‹ – ›Ach, ist das schön, Schwester Karin.‹ Die Schwester war wie ein Ruhepol im Dorf.
Die Gemeindeschwester war eine Ansprechperson. Man hatte viele ältere Bürger, die einsam waren. Schwester Karin war die, die ihnen sozusagen eine schöne halbe Stunde machen sollte. Eine Patientin sagte zu mir: ›Ich will nicht mehr leben, ich hänge mich da oben auf.‹
›Och‹, sag ich, ›das würde ich nicht machen, der Haken hält nicht.‹
Da haben wir gelacht! Dann gab es eine Tasse Kaffee und der Tag war gerettet und die Psyche war gerettet.«
Karin Fischer, Gemeindeschwester

»In Rothenklempenow hatten wir auch eine Gemeindeschwester, Bärbel Bose. Sie hatte Kinderkrankenschwester im Krankenhaus gelernt, und ich habe sie so manches Mal um Hilfe gebeten – das war eine Selbstverständlichkeit. Heute würde man im Internet nachschauen: welche Gläser man je nach Alter des Babys nehmen kann, wie man die Ernährung umstellt. Damals hatten wir das alles nicht. Das war unser Weg – wir sind zur Gemeindeschwester gegangen.
Einmal gab es eine Episode: Das Baby schlief nachmittags. Ich dachte, es müsste inzwischen ausgeschlafen sein, konnte aber durch das Schlüsselloch das Bett nicht sehen. Also schaute ich hinein – und sah ihn in seinem Bett sitzen, wie er das Fieberthermometer heruntergeangelt und kaputtgemacht hatte. Überall lagen kleine Bleikugeln im Bett. Mir blieb fast das Herz stehen. Seine Reaktion war: ›Mama, nicht schimpfen, Papa kauft Neues.‹ Er konnte schon sprechen.
Ich holte ihn erstmal raus, suchte alles zusammen und ging zur Gemeindeschwester. ›Was soll ich machen? Was soll ich machen? Hat er was gegessen, Blei oder nicht?‹ – ich wusste es ja nicht. Und dann sagte sie: ›Beobachte ihn mal, wenn was ist, meldest du dich.‹ So eine erste Hilfe war beruhigend – dass man jemanden hatte.«
Heidi Hamann