»Die Grenzziehung von 1946 führte dazu, dass nahezu jeder zweite Bewohner ein Vertriebener, wie wir es heute bezeichnen, aus den Ostgebieten war. In manchen Gemeinden kamen auf 200 Einwohner ebenso viele Flüchtlinge – wie man sie damals nannte.« Siegfried Göbel
»Meine Eltern waren Sudetendeutsche. Wir sind 1947 hierhergekommen. Hier im Holzwerk war eine Aufnahmestelle für Flüchtlinge, da war auch eine Krankenstation. Der Arzt hat gesagt: ›Wenn Sie bis Berlin mit Ihrer Tochter weiter wollen – das überlebt sie nicht.‹
Er hat dann dafür gesorgt, dass ich ins Krankenhaus nach Radewitz kam. Da war ich ein dreiviertel Jahr, und als ich wieder hergestellt war, wurde ich schon acht Jahre alt – da bin ich erst zur Schule gekommen. Ich bin ja bis ich 16 war zur Schule gegangen.
Meine Mutti war schon ein halbes Jahr eher hier. Erst haben wir mit einer Familie zusammen gewohnt, dann oben im Schloss – in so einer Kammer. Da hat im Winter der Schnee auf uns heruntergeregnet. Wir haben uns mit Mänteln zugedeckt, und wir hatten nur so einen kleinen gemauerten Herd. Wir sind mit einer Tasche gekommen – uns ist das gar nicht gut gegangen.
Später hat meine Mutter bei den Bauern gearbeitet. Hier im Schloss waren damals 32 Familien. Wir haben uns von Kartoffeln und Rüben ernährt. Drei, vier Jahre war das so – länger nicht, aber es war auch Zeit, dass wir da rauskamen.
Dann sind wir in ein Haus gezogen. Die Wohnung war nicht schön, und dann haben wir getauscht. Es waren mehrere Stationen, wo meine Mutti und ich gewohnt haben.
Die Flüchtlinge kamen von überall her. Viele aus dem heutigen Polen, die sind über die Oder gekommen. Ach, das waren so viele! Viele sind dann auch wieder weggezogen, wenn die Männer Arbeit gefunden hatten. Also, die sind nicht alle hiergeblieben.
Meine Mutter ist zu den Bauern aufs Feld arbeiten gegangen – für drei Mark am Tag und ein Mittagessen. Und ich, so ein kleines Mädchen, war den ganzen Tag allein. Damals gab es schon den DFD [den Demokratischen Frauenbund Deutschlands], also die Frauenorganisation. Die haben dann beschlossen, ich sollte jeden Tag bei jemand anderem zum Mittagessen gehen.
Na, das habe ich nicht gemacht – ich war nicht überall willkommen. Und da habe ich gedacht: ›Nee, da gehst du nicht mehr hin.‹ Und bin auch nicht mehr gegangen.
Meine Mutter hatte neun Geschwister. Das Deutsche Rote Kreuz hat damals Suchmeldungen durchgegeben – der sucht die oder der sucht den. Da hat meine Mutti hingeschrieben, und dadurch haben wir unsere ganze Verwandtschaft wiedergefunden. Die haben uns dann später sehr unterstützt – mit Mehl, mit Zucker. Jedenfalls haben wir Pakete bekommen, und da ging es uns nachher schon besser. Die waren alle im Westen.
Ja, wir hatten öfter zum Monatsende wirklich kein Geld, um uns ein Brot kaufen zu können. Und der Bäcker hat uns kein Brot gegeben ohne Bezahlung.
Die erste Zeit nach der Schule habe ich im Holzwerk gearbeitet. Ich hatte nicht gleich einen Beruf. Wir waren nicht gut bemittelt, meine Mutter und ich mussten uns wirklich durchschlagen. Wir konnten uns kein Fahrrad kaufen – und dadurch konnte ich auch keine Lehre weiter weg annehmen. Wie sollte ich da hinkommen?« Hermine Zuber»Als der Krieg zu Ende war, kamen sehr, sehr viele Flüchtlinge. Und da war das Höchste – 27 Flüchtlinge, die bei uns im Haus gewohnt haben. Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen.
Die haben auch alle etwas zu essen gekriegt, bis sich das dann später normalisiert hatte. Viele sind ja dann Richtung Westen weitergezogen. Und dann gab es ja später diese Siedlungshäuser, wo jeder Bauland und Ackerland gekriegt hat. Dann hat sich das so ein bisschen gelockert.
Mein Vater sagte immer: ›Wir hatten ja auch nichts, weil die Russen alles mitgenommen oder kaputt gemacht haben. Aber wir hatten immer ein Dach über dem Kopf und haben auch irgendwo Holz gefunden, damit wir eine warme Stube hatten.‹
Die Flüchtlinge hatten ja nun erstmal gar nichts. Sie haben dann immer bei meinen Eltern in der Landwirtschaft mitgeholfen und haben eigentlich immer gesagt: ›Wir hatten es gut – wir wurden auch gut bezahlt.‹« Heike Fischer